Tagung: “Weniger ist mehr”. Askese und Geschlecht zwischen Selbstbeschränkung und Entgrenzungsstrategie

Wann:
26. Februar 2019 – 27. Februar 2019 ganztägig
2019-02-26T00:00:00+01:00
2019-02-28T00:00:00+01:00
Wo:
Koblenz

„Achtsamkeit“ statt Selbst- und Fremdausbeutung, „Verzicht“ statt Konsum, „Weniger ist mehr“ – das sind nur einige Schlagworte aktueller Ratgeberliteratur. Diese widmet sich neuerdings gezielt dem Thema des Verzichts zur Erlangung von Glück und Lebensfreude, Selbstwertgefühl und Authentizität als Gegenmodell zum Konsum- und Leistungsdenken. Affektivität und Körperbewusstsein bilden die Grundpfeiler rezenter Konzepte. Dabei handelt es sich um die Renaissance einer Lebensausrichtung, die von Religionen und Philosophien mit dem klassischen Begriff der Askese bezeichnet wird. Bereits antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Formen der Askese folgen der Logik der Selbstbeschränkung durch Einübung (griech. askesis) in Formen körperlicher und geistiger Enthaltsamkeit zur Steigerung der Selbstkontrolle. Ziel ist die Befreiung von weltlichen Bequemlichkeiten und Genüssen, die als der Seele / dem Geist (und neuerdings zunehmend dem Körper) schädliche Topoi wahrgenommen werden, sowie die Stärkung der eigenen Widerstandskraft, der Resilienz.

Die Geschichte kennt zahlreiche Formen der körperlichen und geistigen Ertüchtigung, die mitunter auch das Ertragen von Schmerzen umfasst. Im Christentum verbindet sich die Askese zudem mit dem Sünden- und Bußdiskurs, der sich vorwiegend aus einer hellenistisch beeinflussten Anthropologie speist und sich im Laufe des Mittelalters zur christlichen Lebensweise schlechthin entwickelt. Doch auch andere Religionen und Philosophien kennen asketische Praktiken. Daher ist das Analysefeld umfassend und verspricht spannende Ergebnisse zutage zu fördern.
Da sich die Askese stets auf Bereiche der Genuss- und Suchtmittel sowie der Sexualität und damit geschlechtlichen Körperlichkeit bezieht, ist die Frage, ob es spezifische Ausprägungen asketischer Selbstbeschränkungen bei den Geschlechtern gibt, lohnenswert.

Darüber hinaus sind folgende Fragestellungen denkbar:
– Welche Askesepraktiken spielen zu welchen Zeiten eine vorrangige Rolle?
– Welches Ziel verfolgen Asketen früher und heute?
– Sind Kontinuitäten und/oder Brüche bei Ausübenden, Praktiken, Zielen feststellbar?
– Welche verbalen und nonverbalen Medien erlauben einen Einblick in rituelle Askesepraktiken und den damit zusammenhängenden Askesediskurs?
– Welches anthropologische Konzept liegt der jeweiligen Askeseform zugrunde? Spielen geschlechtliche Implikationen eine Rolle?
– Welche Rolle spielen Körper, Eigen- und Fremdwahrnehmung, Negierung des Körpers um den Geist zu schulen, Resilienz…?
– Welche freiwilligen und unfreiwilligen Formen der Askese lassen sich ausmachen? Inwiefern steuern etwa religiöse, kulturelle oder soziale Normen die (Selbst)Beschränkungen? Wie wird Selbstbegrenzung wahrgenommen?
– Welche Formen von Entgrenzung gibt es? Wie werden sie verbalisiert und welchen Rückschluss lässt dies über Praktiken zu?
– Inwieweit spielen religiöse oder philosophische Motive eine Rolle bei dem Versuch, ein höherwertiges Ziel zu erreichen? Sind eher diesseits- oder jenseitsorientierte Entgrenzungsstrategien die Motivatoren? Welche Rolle spielt die Ambivalenz von Mäßigung / Begrenzung und Vervollkommnung? Welche Rolle spielt der Diskurs über „Heiligkeit“?

Der Workshop will das Thema „Askese“ interdisziplinär, epochenübergreifend und geschlechtersensibel in den Blick nehmen. Die Uneindeutigkeit des Askesekonzepts ist Spiegel der wissenschaftlichen Vernachlässigung eines überaus umfassenden Themenfeldes, das der näheren Analyse noch weitestgehend harrt. Willkommen sind Beiträge aus den Geschichts-, Religions-, und Literaturwissenschaften, der Theologie, der Medizingeschichte und Psychologie sowie benachbarter Disziplinen.
Die Tagung wird organisiert von der Regionalkoordination West des Arbeitskreises für historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG e.V.).

Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier.